„Wir lernen nicht nur aus Schulbüchern oder aus Wikipedia-Einträgen. Wir lernen auch an historischen Orten, die uns erinnern lassen, die uns mahnen und uns einen Auftrag für die Zukunft mitgeben,“ so der Präsident der Hessischen Hochschule für öffentliches Management und Sicherheit (HöMS), Dr. Walter Seubert, bei der Begrüßung im ehemaligen Notaufnahmelager in Gießen. Vergangene Woche besuchten Vertreter des Präsidiums der Hochschule diesen außerhochschulischen Lernort. Begleitet wurde er von den beiden Vizepräsidenten Prof. Dr. Georgios Terizakis und Prof. Dr. Jens Löcher.
Das Notaufnahmelager sei das Tor zur Freiheit gewesen, ein Sehnsuchtsort, aber in den ersten Jahren der Existenz auch ein Ort der ersten Ruhe nach der gefährlichen und beschwerlichen Flucht für die deutschen Heimatvertriebenen aus den Ostgebieten des ehemaligen Deutschen Reiches, so Seubert. Gegenüber vom Eingang in dem ehemaligen Kantinenbau, der jetzt in eine moderne Gedenkstätte umgewandelt worden ist, steht wieder der Gedenkstein für den Volksaufstand in der DDR im Juni 1953. Jahrzehntelang bezeugte er den Freiheitsdrang von Menschen aus dem anderen Teil Deutschlands, wie die SED-Diktatur DDR in der alten Bundesrepublik auch genannt wurde. Jahre später wurde er von dieser zentralen Stelle abgeräumt. Nun ist er wieder ein optischer Fixpunkt in der gesamten Anlage.
Drinnen befindet sich der neue Lern- und Erinnerungsort Notaufnahmelager Gießen. So sperrig der Name des kurz „NAL“ genannten interaktiven Museums auch ist, das Team um Leiter PD Dr. Florian Greiner, der vormals an der Friedrich-Ebert-Gedenkstätte tätig war und nun in Gießen heimisch wurde, hat mit gutem Auge zum Detail gemeinsam mit dem Berliner Gedenkstättenentwickler Peter Wellach eine Ausstellung von nationaler Strahlkraft zusammengestellt.
Besucher können Zeitzeugen-Berichte im Video sehen und Hunderte von Erinnerungsstücken von Flüchtlingen betrachten, aber auch Uniformen und anderes aus der Zeit der deutschen Teilung. Die Ausstellung erstreckt sich über 500 Quadratmeter. Das Gebäude ist mit Bedacht gewählt. Wellach und Greiner errichteten am Meisenbornweg kein „Disneyland“, sondern setzten ihren Schwerpunkt in der Vermittlung der Inhalte. Seit der Eröffnung der Gedenkstätte soll es das sein, was es während des Lagerbetriebs gewesen ist – ein Ort der Begegnung. Besucher können dort mehr als tausend Fotos sehen. Auf 55 Bildschirmen laufen Filme und werden andere Bilddokumente eingespielt. Unter anderem äußert sich auch der frühere Fußballprofi Norbert Nachtweih zu seiner Flucht im Jahr 1976. Nach einem Spiel der DDR-Junioren in der Türkei setzte er sich ab, über Gießen gelangte er in die Bundesliga. Er spielte für Eintracht Frankfurt und Bayern München in der Erstklassigkeit, noch heute ist er besonders der Eintracht eng verbunden. Es gibt aber auch ein Gespräch mit einem Syrer, der nach 2015 in Gießen ankam und die Stadt als seine neue Heimat preist.
Zu Wort kommt nicht zuletzt eine Frau, deren Eltern zunächst die DDR verließen, aber dann später in Gießen für deren Staatssicherheitsdienst als Spitzel arbeiteten. Im Museum hängt die handgeschriebene Verpflichtungserklärung des Vaters. Sie ist datiert vom 17. August 1977. Darin heißt es: „Ich erkläre mich hiermit freiwillig bereit, die Sicherheitsorgane der DDR in ihrem Kampf um die Sicherung des Friedens entsprechend meinen Möglichkeiten durch die Lösung von Aufgaben auf dem Gebiet der BRD zu unterstützen.“ Und: „Im Interesse meiner eigenen Sicherheit werde ich meine eigenen Verbindungen zu den Sicherheitsorganen der DDR geheim halten.“ Als Decknamen wählte der Spitzel „Peter Schulz“ – einen Namen, der auch im Schreiben selbst mit An- und Abführungszeichen gekennzeichnet ist. Der Mann arbeitete bei einer Tageszeitung in Gießen – was er sich als Spitzel bis zum Ende dieser Tätigkeit im Jahr 1989 zuschulden kommen ließ, wird in der Ausstellung offengelassen. Ebenso, welchen Schaden er zulasten von Demokratie und Freiheit verursachte.
Gießen, so erfahren die Vertreter des Präsidiums der HöMS, war ein Ort der Geheimdienste, des Ringens um das Wissen, was andere wissen und ausplaudern könnten. Denn die neue Freiheit der Ankommenden bzw. Freigekauften konnte eine Belastung für die Abgebenden sein. So war das Notaufnahmelager im Sinne der Menschlichkeit auch ein Ort des modernen Menschenhandels, denn die DDR ließ sich bezahlen für die freigekauften politischen Häftlinge, die allermeist nur deshalb einsaßen, weil sie die DDR verlassen und in Freiheit leben wollten.
Andere haben das Gelände in deutlich besserer Erinnerung: Jener Mann zum Beispiel, dessen zerschlissene Jeansjacke in der Ausstellung zu sehen ist. Oder die mittlerweile hochbetagte Edith Kretschmer, die ihre Holztruhe nebst Bekleidung zur Verfügung gestellt hat, mit der sie anderthalb Jahre nach Kriegsende als Heimatvertriebene mit ihren Eltern im Lager ankam. Der frühere Bundespräsident Joachim Gauck erinnerte am Vorabend der Eröffnung des NAL an die große Leistung der selbst von Armut geplagten Menschen etwa im zerbombten Gießen, binnen kurzer Zeit Abertausende Heimatvertriebene und Flüchtlinge aufgenommen zu haben.
Für Dr. Walter Seubert ist „das ehemalige Lager, das eigentlich kein Lager im klassischen Sinn sein wollte, ein Einschnitt in der Biografie, ein Ort des inneren Kleider- und Gedankenwechsels.“ Heute sei es ein Ort, der nicht mehr beherbergt oder verwaltet, sondern ein Ort, der ins Erzählen gekommen ist. Der nicht mehr nur aufnimmt, sondern unseren Studierenden an der HöMS erklärt. Deshalb wolle die HöMS die Kontakte zur Gedenkstätte verstetigen und Intensivieren. „Die HöMS will Gedenkstättenarbeit als integraler Teil ihres pädagogischen Auftrags stärker nutzen und das Notaufnahmelager in Gießen kann dabei für uns am HöMS-Standort Gießen ein sehr wichtiger Partner werden“, so Seubert abschließend.