Wie bewahrt man in hochemotionalen Krisenmomenten Handlungsfähigkeit, ohne die professionelle Kontrolle zu verlieren? Unter dem Titel „Konfliktfähig im Einsatz“ präsentierte Patrick Wendt vom Institut für Einsatztraining (Campus Kassel) beim diesjährigen Kasseler Jugendsymposion wegweisende Strategien zur Gewaltprävention und Selbstbehauptung / Selbstbeherrschung. Ein Thema, dessen Relevanz weit in den Alltag hineinreicht.
Das 33. Kasseler Jugendsymposion vom 7. bis 10. Mai 2026 widmete sich in diesem Jahr der Kernfrage moderner Resilienz: der Konfliktfähigkeit. Inmitten akademischer Diskurse bot der Beitrag der Hessischen Hochschule für öffentliches Management und Sicherheit (HöMS) eine essenzielle, praxisnahe Perspektive auf den Bereich der Kommunikation und Deeskalation.
Das „Magnetfeld“ der Eskalation verlassen
Vor einem Publikum aus Oberstufenschülern, Studierenden und Lehrenden verdeutlichte Patrick Wendt die Dynamik von Aggression mittels der Metapher des „Magnetfelds“. Provokationen wirken oft wie eine physische Sogwirkung, die darauf abzielt, das Gegenüber in eine destruktive Spirale aus Wut und Gegengewalt zu ziehen. Wendt räumte dabei mit dem gesellschaftlichen Trugschluss auf, Härte sei ein Synonym für Stärke. Wahre Souveränität zeige sich vielmehr in der kognitiven Distanz: der Fähigkeit, die „Einladung zur Eskalation“ bewusst auszuschlagen und die Regie über das eigene Handeln zu behalten.
Das Ampelmodell: Taktische Struktur in der Dynamik
Um den Jugendlichen ein valides Werkzeug für den Alltag an die Hand zu geben, stellte Wendt Interaktionsstrategien anhand eines greifbaren Ampelmodells vor:
- Grün (Kooperation & Empathie): Durch „taktische Empathie“ und aktives Zuhören wird eine Beziehungs- und Kommunikationsebene etabliert, um u.a. Eskalationsrisiken präventiv zu neutralisieren.
- Gelb (Grenzen & Konsequenzen): Bei Verweigerung der Kooperation erfolgt der Übergang zur direktiven Kommunikation. Grenzen werden klar definiert und Konsequenzen aufgezeigt – entschlossen in der Sache, aber neutral im Ton.
- Rot (Schutz & Intervention): Bei akuter Gefährdung stehen die eigene Sicherheit, das gezielte Einfordern von Hilfe sowie – im polizeilichen Kontext – der rechtlich legitimierte Einsatz physischer Mittel im Fokus.
Neurobiologische Selbstregulation: „Bio-Hacks“ gegen den Stress
Ein Schwerpunkt des Vortrags lag auf der Stressphysiologie. Wendt erläuterte plastisch, wie das limbische System (unser emotionales Reaktionszentrum) unter Hochstress die Oberhand gewinnt und den präfrontalen Kortex – den Sitz der Logik und Impulskontrolle – sprichwörtlich „offline“ schaltet.
Mit praktischen Interventionen wie dem Box-Breathing (einer rhythmischen Atemtechnik) und gezielter somatosensorischer Stimulation (Klopftechnik zur Aktivierung des Vagus-Nervs) demonstrierte er, wie man das vegetative Nervensystem aktiv beeinflusst. Das Credo: Nur wer in der Lage ist, die eigene Physiologie zu regulieren, behält die Kapazität zur Fremdregulation anderer.
Konfliktfähigkeit als „trainierbarer Muskel“
Auf die Frage der Jugendlichen, wie man „stark bleibt, ohne aggressiv zu werden“, fand Wendt eine prägnante Antwort: Professionelle Konfliktfähigkeit ist kein Charakterzug, sondern eine Fertigkeit, die wie ein Muskel trainiert werden kann. An der HöMS geschieht dies durch die synergetische Verknüpfung von psychologischem Fachwissen, rechtlichem Rahmen und intensiver praktischer Reflexion.
Die abschließende Diskussion unterstrich den hohen Stellenwert des Studiums an der HöMS. In den Fachbereichen Polizei und Verwaltung werden Studierende theoretisch und praktisch darauf vorbereitet, Verantwortung in einer komplexen Gesellschaft zu übernehmen.